Nachhaltigkeit 2026: Signale aus der Finanzwelt
Es ist Anfang 2026, und viele Unternehmen suchen nach Orientierung beim Thema Nachhaltigkeit. Das ist keine ganz einfache Aufgabe, da unterschiedliche Blickwinkel auf dieses Thema existieren. Zum einen die geänderten regulatorischen Anforderungen (Stichwort Omnibus) und zum anderen die Anforderungen von Stakeholdern. Deshalb richten wir in diesem Blogpost den Blick auf die Impulse aus der Finanzwelt. In einem weiteren Blogpost werden wir dann die Blickwinkel anderer Stakeholder zum Thema Nachhaltigkeit darstellen, um ein möglichst differenziertes Bild zeichnen zu können.
Das Jahr 2025 war für das Thema Nachhaltigkeit zumindest turbulent. Der Omnibus-Kompromiss der EU hat die Berichtspflichten deutlich reduziert. In den USA ist von einem regelrechten ESG-Backlash die Rede, große Banken haben Klimaallianzen verlassen. Und in Europa dominieren andere Themen die Agenda: Verteidigungspolitik, Wettbewerbsfähigkeit, strategische Autonomie. Die gefühlte Wahrnehmung: Nachhaltigkeit hat deutlich an Stellenwert verloren. Doch ist das tatsächlich so? Denn die gefühlte Wahrnehmung und die Zahlen zu einem Thema sprechen nicht immer die gleiche Sprache. Um zu einer möglichst differenzierten Einschätzung zu kommen, schauen wir auf das, was messbar ist. Dazu haben wir uns drei Perspektiven aus der Finanzwelt angesehen: Versicherungsunternehmen, Banken und Pensionsfonds. Welche Impulse setzen diese Akteure im Nachhaltigkeitskontext?
Gefühlte Wahrnehmung vs. Fakten
Was uns die Zahlen aus der Finanzwelt zeigen – und was sich anders anfühlt
Quellen: Munich Re (Jan. 2026), Deutsche Bank Geschäftsbericht 2025, PGGM/PFZW 2025, Union Investment 2025
Perspektive 1: Was Versicherer über Klimarisiken sagen
Versicherer und Rückversicherer haben ein ureigenes Interesse daran, Risiken korrekt einzuschätzen. Schließlich hängt ihr gesamtes Geschäftsmodell von der Fähigkeit ab, Risiken möglichst genau einordnen zu können. Die Zahlen, die Munich Re im Januar 2026 veröffentlicht hat, sind eindeutig: Die weltweiten Schäden durch Naturkatastrophen beliefen sich 2025 auf 224 Milliarden US-Dollar, davon waren 108 Milliarden versichert. Es war das sechste Jahr in Folge, in dem die versicherten Schäden die 100-Milliarden-Marke überschritten haben.
Bemerkenswert dabei: 2025 war das teuerste Jahr überhaupt für sogenannte „Nicht-Spitzenrisiken“ – also Überschwemmungen, Waldbrände und Unwetter, nicht die klassischen Großereignisse wie Tornados und Hurrikane. Thomas Blunck, Mitglied des Vorstands bei Munich Re, formulierte es so: „Die Anpassung an diese Risiken ist unerlässlich.“
Noch deutlicher wurde Günther Thallinger, Vorstandsmitglied der Allianz und Vorsitzender des Nachhaltigkeitsgremiums des Konzerns. In einem Interview warnte er: „Wir nähern uns schnell Temperaturniveaus, bei denen Versicherer für viele dieser Risiken keine Deckung mehr anbieten können. Die Mathematik funktioniert nicht mehr: Die erforderlichen Prämien übersteigen das, was Menschen oder Unternehmen zahlen können. Ganze Regionen werden unversicherbar.“
Die Konsequenz, die die Versicherer selbst ziehen: Munich Re hat seine Klimaziele verschärft und den Kohleausstieg im Investmentportfolio von 2040 auf 2030 vorgezogen. Gleichzeitig hat der Rückversicherer sein Engagement bei deutschen Hochwasserrisiken seit 2020 um 27 Prozent jährlich erhöht – dort, wo Risiken präzise bepreist werden können.
Perspektive 2: Wo Banken Schwerpunkte setzen
In der öffentlichen Debatte kann der Eindruck entstehen, Banken würden sich beim Thema Nachhaltigkeit zurückziehen. Die Zahlen zeigen ein anderes Bild.
Die Deutsche Bank meldete für 2025 das stärkste Jahr für nachhaltige Finanzierungen seit 2021. Das Gesamtvolumen erreichte 98 Milliarden Euro, kumuliert seit 2020 sind es nun 471 Milliarden Euro. Das ursprüngliche Ziel von 500 Milliarden Euro bis 2025 wurde auf 900 Milliarden Euro bis 2030 angehoben – inklusive eines neuen Fokus auf Transition Finance für schwer dekarbonisierbare Sektoren. CEO Christian Sewing kommentierte: „Wir dürfen bei der nachhaltigen Transformation unserer Wirtschaft nicht nachlassen. Deshalb bleibt Nachhaltigkeit für uns bei der Deutschen Bank eine Priorität.“
Die Commerzbank wurde 2025 zum vierten Mal in Folge als „Germany’s Best Bank for Sustainable Finance“ ausgezeichnet. Das Ziel von 300 Milliarden Euro an nachhaltigen Finanzierungen – eine Verdreifachung gegenüber 2020 – wurde nahezu erreicht. Mindestens 10 Prozent aller neuen Kredite gehen dauerhaft in grüne, soziale oder Transformationsfinanzierungen. Christine Rademacher, Bereichsleiterin Financial Engineering, sagte im Januar 2025: „Nachhaltigkeit steht weiterhin ganz oben auf der politischen Agenda der EU, auch wenn sie teilweise von Themen wie Wettbewerbsfähigkeit und Verteidigungspolitik überlagert wird.“
ING Deutschland erhielt 2025 von Euromoney die Auszeichnung als beste Bank für Sustainable Finance in Deutschland. Das Unternehmen übertraf sein Jahresziel von 125 Milliarden Euro mit 130 Milliarden Euro im Jahr 2024 und setzte sich ein neues Ziel von 150 Milliarden Euro bis 2027.
Wahr ist aber auch, dass einige Banken, darunter UBS, HSBC und Barclays, im Jahr 2025 die Net Zero Banking Alliance verlassen haben. Gleichzeitig bekräftigten alle drei explizit ihre eigenen Netto-Null-Ziele und Sustainable Finance Verpflichtungen. UBS-CEO Sergio Ermotti stellte klar: „Unser Engagement für Nachhaltigkeit bleibt unverändert.“
Perspektive 3: Wie Pensionsfonds mit dem Thema Nachhaltigkeit umgehen
Die vielleicht überraschendsten Signale kommen von institutionellen Investoren. Während in den USA Pensionsfonds teilweise unter politischem Druck stehen, ESG-Kriterien zu reduzieren oder besser ganz abzuschaffen, geschieht in Europa das Gegenteil.
Der niederländische Pensionsfonds PFZW (Pensionsfonds für den Gesundheits- und Sozialsektor) ist einer der größten Europas mit 248 Milliarden Euro verwaltetem Vermögen. Er beendete 2025 seine Zusammenarbeit mit BlackRock (14 Milliarden Euro) und LGIM (15 Milliarden Euro). Der Grund: Die Asset Manager waren dem Fonds nicht nachhaltig genug. Die Mandate gingen stattdessen an Robeco, das für seinen konsequenten ESG-Ansatz bekannt ist. Sander van Stijn, Leiter Mandate Management bei PGGM (dem Vermögensverwalter von PFZW), erklärte: „Wir suchen gezielt nach Asset Managern, die nicht nur finanziell stark sind, sondern auch unsere Nachhaltigkeitsambitionen teilen. Stewardship ist ein weiterer Schwerpunkt: Ermutigen die Manager die Portfoliounternehmen aktiv dazu, durch Engagement und Abstimmungen nachhaltiger zu werden?“
Auch PME Pensioenfonds (Pensionsfonds für die Metall- und Technologiebranche) stellte seine Zusammenarbeit mit BlackRock (rund 5 Milliarden Euro) auf den Prüfstand – mit ähnlicher Begründung.
In Deutschland erreichte die ESG-Integration bei institutionellen Investoren 2025 einen Rekordwert von 83 Prozent. Union Investment, einer der größten deutschen Asset Manager, trennte sich im Juni 2025 von ExxonMobil und EOG Resources. Henrik Pontzen, Leiter Nachhaltigkeit, begründete: „Wenn ein Unternehmen nicht einmal Klimaziele setzt, sehen wir keine Grundlage für die Annahme, dass es diese erreichen wird.“
Gefühlte Wahrnehmung und Fakten
Wie kann all das eingeordnet werden? Wir beabsichtigen an dieser Stelle keine Bewertung abzugeben. Wir stellen Zahlen vor, die wir interessant fanden, und dabei stellen wir fest: Es gibt eine Diskrepanz zwischen der gefühlten Wahrnehmung und dem, was uns die Zahlen zeigen.
Die gefühlte Wahrnehmung sagt: Nachhaltigkeit hat an Bedeutung verloren.
Die Zahlen sagen: Versicherer preisen Klimarisiken mit hoher Priorität ein. Banken mobilisieren dreistellige Milliardenbeträge für nachhaltige Finanzierungen. Pensionsfonds trennen sich von Vermögensverwaltern, die nicht nachhaltig genug agieren.
Die Herausforderung für mittelständische Unternehmen bleibt damit, den Raum zwischen der gefühlten Wahrnehmung und den Fakten für sich zu erschließen und zu navigieren.
Quellen
Munich Re, „Climate change presses on: Devastating wildfires and intense thunderstorms exacerbate losses for insurers“, Januar 2026. Link
Munich Re, „Climate change presses on: Devastating wildfires and intense thunderstorms exacerbate losses for insurers“, Januar 2026. Link
World Economic Forum, „Climate crisis putting financial system at risk, warns insurer“, April 2025. Link
ESG Today, „Munich Re Sets New 2030 Climate Targets for Insurance, Investment Portfolios“, Dezember 2025. Link
ESG Today, „Deutsche Bank Reports Strongest Year for Sustainable Finance Since 2021“, Februar 2026.
ESG Today, „Deutsche Bank Reports Strongest Year for Sustainable Finance Since 2021“, Februar 2026.
Commerzbank, „Sustainability at Commerzbank“. Link
Commerzbank, „Sustainability advisory and financing from a single source“, 2025. Link
Euromoney, „Awards for Excellence 2025: Germany’s best bank for sustainable finance – ING Germany“. Link
FinTech Magazine, „UBS Exits Climate Alliance Despite Maintaining Green Pledge“, 2025. Link
ESG Today, „BlackRock, LGIM Lose $34 Billion in Mandates from Dutch Pension Fund’s Shift to Sustainability-Focused Investment Policy“, September 2025. Link
ESG Today, „BlackRock, LGIM Lose $34 Billion in Mandates from Dutch Pension Fund’s Shift to Sustainability-Focused Investment Policy“, September 2025. Link
ESG Today, „BlackRock Loses $5.9 Billion Mandate with Dutch Pension Fund Over ESG Stance“, Dezember 2025.
Investment & Pensions Europe, „German investors prioritise ESG, sustainability criteria“, 2025. Link
Gas Outlook, „Germany’s Union Investment divests from ExxonMobil“, Juni 2025. Link
Der Autor
Sebastian Dürr
Sebastian Dürr, Dipl.-Ing. (FH) verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Entwicklung und Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien. Er unterstützt Unternehmen dabei, ihre Geschäftsmodelle strategisch, operativ zukunftsfähig und nachhaltig auszurichten. Seine Schwerpunkte liegen auf ESG-Integration und Energiethemen. Seine Qualifikationen umfassen Abschlüsse in ESG Risks & Opportunities (Wharton University) und Principles of Sustainable Finance (Erasmus University).
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