Nachhaltigkeitsberichterstattung im Wandel: Was die Omnibus-Einigung für den Mittelstand bedeutet
Seit Dezember 2025 hat die EU in der Nachhaltigkeitsregulierung eine neue Richtung eingeschlagen. Die formalen Berichtspflichten werden auf deutlich weniger Unternehmen konzentriert, während gleichzeitig neue Anforderungen über das Finanzsystem entstehen. Für mittelständische Unternehmen lohnt sich ein differenzierter Blick auf diese Entwicklung, denn sie eröffnet sowohl Entlastungen als auch neue strategische Möglichkeiten.
Die neue Ausgangslage: Klarheit nach langen Verhandlungen
Nach intensiven Verhandlungen hat die Kommission eine vorläufige Einigung erzielt. Der Schwellenwert für berichtspflichtige Unternehmen nach der CSRD liegt nun bei 1000 Beschäftigten und einem Nettoumsatzerlös von 450 Millionen Euro. Börsennotierte KMU fallen aus dem Anwendungsbereich heraus.
Für die EU-Lieferkettenrichtlinie wurden die Schwellen noch höher angesetzt: Hier greift die Sorgfaltspflicht erst bei mehr als 5.000 Beschäftigten und einem Umsatz von über 1,5 Milliarden Euro, mit einem Anwendungsbeginn ab Mitte 2029.
Die Umsetzung in deutsches Recht steht noch aus und wird voraussichtlich im Laufe dieses Jahres erfolgen. Unternehmen haben damit mehr Planungssicherheit gewonnen, auch wenn die genauen nationalen Regelungen noch ausstehen.
Warum ESG-Daten für den Mittelstand dennoch relevant bleiben
Die Reduzierung der formalen Berichtspflichten bedeutet nicht, dass Nachhaltigkeitsinformationen für den Mittelstand an Bedeutung verlieren würden. Im Gegenteil: Über das Finanzsystem entstehen neue Anforderungen, die unabhängig von der CSRD-Pflicht greifen.
Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde hat seit 2025 ihre finalen Leitlinien zum Management von ESG-Risiken veröffentlicht. Diese treten für große Kreditinstitute ab dem 11. Januar 2026 in Kraft, für kleinere Institute ein Jahr später. Die Leitlinien verpflichten Banken, Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren systematisch in ihre Kreditwürdigkeitsprüfung und ihr Risikomanagement zu integrieren.
Konkret bedeutet das: Bei Finanzierungsanfragen werden Banken künftig ESG-bezogene Informationen abfragen, um die mit einem Engagement verbundenen Nachhaltigkeitsrisiken bewerten zu können. Dies geschieht unabhängig davon, ob das antragstellende Unternehmen selbst zur formalen Berichterstattung verpflichtet ist.
ESG-Datenanfragen im Mittelstand: Woher sie kommen
Keine CSRD-Pflicht bedeutet nicht keine ESG-Anforderungen. Die Anfragen kommen über andere Kanäle – der VSME-Standard liefert die Antwort.
Fazit: Die Omnibus-Einigung reduziert formale Pflichten – aber ESG-Datenanfragen bleiben. Wer jetzt eine VSME-konforme Datenbasis aufbaut, ist für alle Szenarien vorbereitet.
Gerade für Unternehmen in der Wertschöpfungskette berichtspflichtiger Großunternehmen bietet der VSME-Standard den Vorteil, dass er alle Angaben zu Nachhaltigkeitsindikatoren abdeckt, die diese Unternehmen von ihren Geschäftspartnern erwarten. Damit wird dieser Standard faktisch zum Referenzrahmen für die ESG-Kommunikation des Mittelstands gegenüber Geschäftspartnern und Finanzierern.
Die Perspektive der Europäischen Zentralbank
EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat in einem Schreiben an EU-Parlamentarier darauf hingewiesen, dass die Reduzierung des Anwendungsbereichs die Verfügbarkeit von Unternehmensdaten einschränken könnte. Dies betrifft die Fähigkeit des Finanzsystems, klimabezogene Risiken angemessen zu bewerten und zu steuern.
Diese Einschätzung verdeutlicht, weshalb Finanzinstitute auch von nicht berichtspflichtigen Unternehmen verstärkt Nachhaltigkeitsinformationen einfordern werden. Die regulatorischen Anforderungen an Banken sind gesetzt, die benötigten Daten müssen von irgendwoher kommen.
Der VSME-Standard als praktischer Rahmen
Für Unternehmen, die nicht unter die CSRD-Pflicht fallen, aber dennoch einen strukturierten Umgang mit ESG-Anfragen benötigen, bietet der freiwillige VSME-Standard einen hilfreichen Rahmen. Die EU-Kommission hat diesen Standard für nicht börsennotierte kleine und mittlere Unternehmen im vergangenen Jahr als Empfehlung verabschiedet.
Die beschriebene EU-Einigung stärkt die Rolle dieses Standards zusätzlich: Gerade für Unternehmen in der Wertschöpfungskette berichtspflichtiger Großunternehmen bietet der VSME-Standard den Vorteil, dass er alle Angaben zu Nachhaltigkeitsindikatoren abdeckt, die diese Unternehmen von ihren Geschäftspartnern erwarten. Damit wird dieser Standard faktisch zum Referenzrahmen für die ESG-Kommunikation des Mittelstands gegenüber Geschäftspartnern und Finanzierern.
Wer nach diesem Standard arbeitet, kann Datenanfragen von Banken, Geschäftspartnern und Kunden mit einem konsistenten Informationsset beantworten. Die Herausforderung liegt dabei in der systematischen Datenerfassung und dem Aufbau einer belastbaren Datenbasis, die verschiedene ESG-Abfragen von Konzernen oder Kreditinstituten integriert. Einmal strukturiert aufgesetzt, lassen sich künftige Anforderungen mit überschaubarem Aufwand bedienen.
Der Aufbau einer Datenbasis, orientiert am VSME-Standard, ermöglicht es, auf Anfragen von Banken, Geschäftspartnern und potenziellen Auftraggebern vorbereitet zu sein. Der Standard definiert einen überschaubaren Umfang an Informationen, der für die meisten Zwecke ausreichend ist.
Nachhaltigkeitsdaten als Instrument des eigenen Risikomanagements
Jenseits externer Anforderungen lohnt sich der Blick auf den internen Nutzen einer strukturierten ESG-Datenbasis. Die physischen Auswirkungen des Klimawandels, Veränderungen in Lieferketten, sich wandelnde Kundenerwartungen und neue regulatorische Rahmenbedingungen betreffen Unternehmen unabhängig von ihrer Berichtspflicht.
Wer die eigene Exposition gegenüber diesen Faktoren systematisch erfasst, gewinnt eine fundierte Grundlage für strategische Entscheidungen. Das kann die Bewertung von Investitionen betreffen, die Auswahl von Geschäftspartnern, die Entwicklung neuer Geschäftsfelder oder die Kommunikation mit Stakeholdern.
Dabei liefert das ESG-Reporting die Grundlage für eine Nachhaltigkeitsstrategie, Chancen und Risiken lassen sich damit systematisch darstellen und nachverfolgen. In diesem Sinne ist die Erhebung von Nachhaltigkeitsdaten und die Erstellung einer Nachhaltigkeitsstrategie weniger eine externe Pflichtübung als vielmehr ein Baustein der eigenen Unternehmenssteuerung, der unabhängig von regulatorischen Anforderungen Mehrwert stiften kann.
Handlungsoptionen für mittelständische Unternehmen
Die aktuelle Situation bietet mittelständischen Unternehmen die Möglichkeit, sich im Detail mit dem Thema auseinanderzusetzen und einen Ansatz zu entwickeln, der zum eigenen Unternehmen passt.
Ein sinnvoller Ausgangspunkt ist die Identifikation der wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen für das eigene Geschäftsmodell.
Welche Umwelt- und Sozialaspekte sind für die eigene Branche besonders relevant?
Wo liegen die größten Risiken, wo ergeben sich Chancen?
Diese Analyse bildet das Fundament für alle weiteren Schritte, sei es die Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie oder die Vorbereitung auf Datenanfragen.
Der Aufbau einer Datenbasis, orientiert am VSME-Standard, ermöglicht es, auf Anfragen von Banken, Geschäftspartnern und potenziellen Auftraggebern vorbereitet zu sein. Der Standard definiert einen überschaubaren Umfang an Informationen, der für die meisten Zwecke ausreichend ist.
Der frühzeitige Dialog mit Finanzierungspartnern kann zusätzliche Klarheit schaffen.
Welche ESG-Informationen werden bereits jetzt und zukünftig erwartet? Wie fließen diese in die Kreditwürdigkeitsprüfung ein?
Ein proaktiver Austausch hilft, Überraschungen zu vermeiden und die eigene Position zu stärken.
Ausblick
Die EU-Einigung enthält eine Überprüfungsklausel, die eine mögliche Anpassung des Anwendungsbereichs vorsieht. Die regulatorische Entwicklung bleibt damit weiterhin in Bewegung. Unternehmen, die jetzt eine solide Grundlage schaffen, sind für verschiedene Szenarien gut aufgestellt.
Für den Mittelstand ergibt sich daraus eine günstige Ausgangslage. Die formale Berichtspflicht entfällt für die meisten Unternehmen, während gleichzeitig praxistaugliche Standards für die freiwillige Berichterstattung und die Beantwortung von Datenanfragen zur Verfügung stehen.
Wer diese Werkzeuge nutzt, kann Nachhaltigkeitsberichterstattung effizient gestalten und dabei die eigene strategische Positionierung stärken.
Sie möchten wissen, was die aktuellen Entwicklungen konkret für Ihr Unternehmen bedeuten?
Wir unterstützen Sie bei der Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie, die zu Ihrem Unternehmen passt – und einen Ansatz zu finden, der Aufwand und Nutzen in ein sinnvolles Verhältnis bringt.
Häufige Fragen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung
Hier beantworten wir Ihnen Fragen zum Blogartikel.
Weitere Antworten finden Sie auf unserer Homepage unter Fragen und Antworten.
Was ist der Unterschied zwischen CSRD und VSME?
Die CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) verpflichtet große Unternehmen zu umfassender Nachhaltigkeitsberichterstattung nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS). Der VSME (Voluntary SME Standard) ist hingegen ein freiwilliger, modularer Standard, der speziell für kleine und mittlere Unternehmen entwickelt wurde.
Die formale Berichtspflicht nach CSRD entfällt für die meisten mittelständischen Unternehmen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Nachhaltigkeitsdaten irrelevant werden. Banken werden ab 2026 bei Finanzierungsanfragen ESG-Informationen abfragen, und auch Geschäftspartner in den Lieferketten größerer Unternehmen benötigen entsprechende Angaben. Der Unterschied: Sie entscheiden selbst über den Umfang und das Tempo. Wer sich am VSME-Standard orientiert, hat einen überschaubaren Rahmen, der für die meisten Anfragen ausreicht, und gewinnt gleichzeitig wertvolle Erkenntnisse für die eigene Unternehmenssteuerung.
Was ist der VSME-Standard und warum wird er jetzt wichtiger?
Der VSME-Standard (Voluntary Standard for Medium Enterprises) ist ein freiwilliger Berichtsrahmen, den die EU-Kommission speziell für nicht börsennotierte kleine und mittlere Unternehmen entwickelt hat. Er definiert einen kompakten Satz an Nachhaltigkeitsinformationen, die für Banken, Geschäftspartner und Kunden relevant sind. Durch die Omnibus-Einigung wird dieser Standard faktisch zum Referenzrahmen: Unternehmen in den Wertschöpfungsketten berichtspflichtiger Konzerne können Informationsanfragen, die über den VSME-Standard hinausgehen, ablehnen. Wer seine Daten nach diesem Standard strukturiert, ist damit für unterschiedliche Anfragen gut aufgestellt.
Wie viel Aufwand steckt hinter einem VSME-Bericht?
Das hängt stark von der Ausgangslage ab: Welche Daten liegen bereits vor? Wie weit ist das Nachhaltigkeitsmanagement entwickelt? Der modulare Aufbau des VSME ermöglicht einen schrittweisen Einstieg – beginnend mit dem Basic Module, das die wichtigsten Kennzahlen abdeckt. Unternehmen, die strukturiert vorgehen und den Prozess strategisch einbetten, berichten von einer steilen Lernkurve im ersten Jahr, aber deutlich reduziertem Aufwand in den Folgejahren.
Die Autorin:
Naomi Becker
Naomi Becker ist spezialisiert auf Kommunikation und soziale Aspekte und hat einen interdisziplinären Hintergrund in Literaturwissenschaft, Psychologie und Wirtschaft (M.A.). Als Systemischer Coach und zertifizierte Social Media Managerin (IHK) verbindet sie strategische Nachhaltigkeitskommunikation mit sozialer Verantwortung. Sie unterstützt Unternehmen dabei, ihre Nachhaltigkeitsleistungen sichtbar zu machen und glaubwürdig zu kommunizieren.
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