Großkunden wie der Lebensmittelhändler Ahold Delhaize verabschieden sich zunehmend von ungenauen Branchendurchschnitten und fordern stattdessen den exakten Product Carbon Footprint (PCF) für jedes einzelne Produkt . Branchendurchschnitte verschleiern nämlich echte Risiken und individuelle Verbesserungspotenziale . Für den Mittelstand bedeutet dies eine Verschiebung der Verantwortung: Die Pflicht zur Datenbereitstellung geht auf den Zulieferer über . Gleichzeitig wird die Fähigkeit, belastbare PCF-Daten zu liefern, zu einem harten Wettbewerbsfaktor bei Rahmenverträgen und Ausschreibungen.

Product Carbon Footprint: Was Unternehmen künftig von ihren Lieferanten erwarten

Ahold Delhaize, einer der größten Lebensmittelhändler Europas, beginnt ab 2026 von Branchendurchschnitten schrittweise auf produktspezifische CO₂-Daten umzustellen. Der angegebene Grund ist: Durchschnittswerte zeigen nicht, wo die echten Hebel liegen. Für Zulieferer aus dem Mittelstand bedeutet das eine neue und genauere Art von Datenabfrage. Daher kann es zielführend sein, sich mit dem Product Carbon Footprint der eigenen Produkte zu beschäftigen. 

Warum Branchendurchschnitte an Grenzen kommen

Ahold Delhaize hat im April 2026 eine bemerkenswerte Ankündigung gemacht. Das Unternehmen verabschiedet sich Stück für Stück von der bisherigen Praxis, Emissionen auf Basis von Branchendurchschnitten zu schätzen. Stattdessen will es künftig den tatsächlichen CO₂-Fußabdruck einzelner Produkte erfassen [1].

Ein kurzes Beispiel macht den Unterschied greifbar. Nehmen wir ein Kunststoffteil aus Polypropylen mit einem Gewicht von 2,1 Kilogramm. Nach einem Branchendurchschnitt würde diesem Teil ein bestimmter CO₂-Wert zugewiesen, unabhängig davon, wo es produziert wurde, mit welchem Strommix, ob aus Neuware oder recyceltem Kunststoff, mit welcher Verarbeitungstechnologie. Der Durchschnitt glättet all diese Unterschiede ein. Zwei Lieferanten, die dieselbe Spezifikation erfüllen, sich aber in der Produktion deutlich unterscheiden, erscheinen dann im Durchschnittswert identisch. Erst der individuelle Product Carbon Footprint (PCF) macht sichtbar, wo welcher Lieferant tatsächlich steht.

Die Begründung von Ahold Delhaize greift genau diesen Punkt auf. Branchendurchschnitte zeigen nicht, wo Risiken liegen. Sie zeigen nicht, welche Lieferanten Fortschritte machen. Und sie zeigen nicht, wo die größten Chancen für Verbesserungen liegen [1]. Der Schritt zu produktspezifischen Daten ist dabei nicht allein eine Reportingfrage.

Er zahlt auf einen Dreiklang ein: präzisere Emissionsdaten, bessere Resilienz der Wertschöpfungskette, und eine fundiertere Grundlage für Sortiments- und Beschaffungsentscheidungen. Der PCF ist die Messgröße, Resilienz und Beschaffung sind die strategischen Konsequenzen.

Product Carbon Footprint: Was Unternehmen künftig von ihren Lieferanten erwarten Ahold Delhaize, einer der größten Lebensmittelhändler Europas, beginnt ab 2026 von Branchendurchschnitten schrittweise auf produktspezifischen CO₂-Daten umzustellen. Der angegebene Grund ist: Durchschnittswerte zeigen nicht, wo die echten Hebel liegen. Für Zulieferer aus dem Mittelstand bedeutet das eine neue und genauere Art von Datenabfrage. Daher kann es zielführend sein, sich mit dem Product Carbon Footprint der eigenen Produkte zu beschäftigen.

Was sich für Lieferanten konkret verändert

Bisher reichte es in vielen Lieferbeziehungen, allgemeine Nachhaltigkeitsinformationen bereitzustellen. Künftig werden die Fragen konkreter: Wie hoch ist der CO₂-Fußabdruck dieses spezifischen Produkts? Welche Emissionen entstehen bei der Herstellung? Welche Daten können Sie in unsere Systeme einspeisen?

Das ist keine ferne Zukunft. Ahold Delhaize hat angekündigt, direkt mit seinen Lieferanten zusammenzuarbeiten, um diese Daten zu erheben [1]. Andere Einkäufer werden folgen, und zwar nicht nur im Handel. Betroffen sind die sogenannten Scope-3-Emissionen: alle Treibhausgase, die entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette eines Unternehmens entstehen – von eingekauften Vorprodukten über Logistik bis zur Produktnutzung. Für viele Branchen machen sie den größten Teil des gesamten Fußabdrucks aus: vom Maschinenbau über die Automobilzulieferindustrie bis hin zur Möbel- und Bauwirtschaft.

Mit dieser Entwicklung verschiebt sich nicht nur die Datenhoheit, sondern auch die Last der Datenbereitstellung. Solange Einkäufer mit Durchschnittswerten arbeiten, können sie die benötigten Zahlen weitgehend selbst aus Datenbanken ziehen. Ein Beispiel: „1,2 Kilogramm Kunststoff ergeben X Gramm CO₂“ aus einer branchenüblichen Referenz. Mit dem Wechsel zu Primärdaten übernimmt der Lieferant diese Aufgabe. Er liefert künftig nicht nur das Produkt, sondern auch den belastbaren, nachvollziehbaren CO₂-Wert dazu. 

Aus methodischer Sicht ist das eine Verschiebung der Datenhoheit. Aus praktischer Sicht ist es eine Verschiebung des Arbeitsaufwands und der Verantwortung.

Die Product Carbon Footprint Standards entstehen gerade 

Ahold Delhaize ist kein Einzelfall. Im Hintergrund arbeiten zwei Initiativen an internationalen Standards für die Berechnung und den Austausch von PCF-Daten. Sie verfolgen unterschiedliche methodische Ansätze.

Das GHG Protocol, die weltweit führende Institution für Treibhausgasbilanzierung, entwickelt gemeinsam mit der Internationalen Organisation für Normung (ISO) einen harmonisierten Produktstandard. Er baut auf dem etablierten prozessbasierten Ansatz der Lebenszyklusanalyse auf. Die Partnerschaft wurde im September 2025 angekündigt. Die Working Group wurde im Februar 2026 konstituiert und bindet Fachleute aus Unternehmen wie Amazon, Unilever und BMW ein. [2].

Parallel dazu arbeitet die Initiative Carbon Measures gemeinsam mit der Internationalen Handelskammer (ICC) an einem eigenen Rahmenwerk. Dieser Ansatz basiert methodisch auf Prinzipien der Finanzbuchhaltung und wird als ledger-basiertes System (E-Liability) beschrieben. Getragen wird die Initiative unter anderem von ExxonMobil, BASF, Bayer und Shell [3].

Dass zwei methodisch unterschiedliche Ansätze parallel entstehen, zeigt die Dynamik des Themas.

Gleichzeitig wäre es falsch, daraus eine Wartehaltung abzuleiten. Beide Standards bauen auf Unternehmensdaten auf, die ohnehin erhoben werden müssen: Energieverbräuche, eigene Emissionen, Vorprodukte und deren Herkunft. Diese Grundlage ist unabhängig davon, welcher Standard sich am Ende durchsetzt. Wer hier bereits vorarbeitet, verliert nichts, und vermeidet es, später unter Zeitdruck in den eigentlichen Methodikstreit hineingezogen zu werden.

Vom Datenproblem zum Wettbewerbsfaktor

Wer diese Entwicklung nur als zusätzliche Bürde betrachtet, übersieht die andere Seite. Lieferanten, die ihre produktbezogenen Emissionen kennen, können sie auch steuern. Sie können Einsparpotenziale identifizieren, emissionsärmere Alternativen entwickeln und sich gegenüber Wettbewerbern differenzieren.

Die Verfügbarkeit belastbarer PCF-Daten wird zunehmend zu einem Faktor bei Ausschreibungen und Rahmenverträgen. Wer sie bereitstellen kann, erweitert seinen Gestaltungsspielraum gegenüber Kunden, statt ihn zu verlieren.

Was mittelständische Unternehmen jetzt tun können

Die neuen Standards sind noch in Entwicklung, die Anforderungen werden sich über die kommenden Jahre konkretisieren.

Warten ist trotzdem nicht die richtige Antwort. Denn PCF-Berechnung ist kein einzelner Schritt, sondern eine Datenkette, die entlang der Wertschöpfung aufgebaut werden muss. Jedes Glied dieser Kette braucht Vorlaufzeit.

Konkret gibt es fünf Schritte, die unabhängig vom konkreten Standard heute schon sinnvoll sind:

Erstens: Prüfen, welche Informationen zu den eingekauften Vorprodukten bereits vorliegen. Welcher PCF ist dort bilanziert oder zumindest grob abschätzbar? Wo fehlen Daten komplett?

Zweitens: Identifizieren, welche zusätzlichen PCF-Komponenten im eigenen Unternehmen entstehen. Dazu gehören elektrische und thermische Energie, Prozessemissionen und direkte Kraftstoffe.

Drittens: Die Downstream-Seite erfassen. Logistik, Verpackung und weitere Schritte nach dem eigenen Werkstor tragen ebenfalls zum Produkt-Fußabdruck bei.

Viertens: Mit den Stakeholdern auf beiden Seiten in Kontakt treten. Auf der Kundenseite: Gibt es bereits eine PCF-Strategie? Welcher Standard wird erwartet, welches Datenformat, welcher Zeithorizont? Auf der Lieferantenseite: Welche Daten können heute schon bereitgestellt werden? Welche Vorbereitungen laufen dort?

Fünftens: Ein einfaches Datenmodell aufsetzen, das später auf Produktebene heruntergebrochen werden kann. Es muss nicht perfekt sein. Es muss nur anschlussfähig sein.

Der wichtigste Schritt ist der vierte. Der Dialog mit Kunden und Lieferanten entscheidet darüber, ob die eigene Vorbereitung in die richtige Richtung läuft oder ob am Ende Daten erhoben werden, die keiner braucht, während die eigentlich relevanten fehlen.

Muss ich als Mittelständler jetzt schon einen PCF für meine Produkte berechnen?

Eine verpflichtende Anforderung besteht aktuell nicht. Die Ankündigung von Ahold Delhaize zeigt aber, dass große Einkäufer zunehmend produktspezifische CO₂-Daten abfragen werden – zunächst im Dialog mit ihren Lieferanten, perspektivisch als Teil von Ausschreibungsunterlagen. Sinnvoll ist daher, die eigene Datengrundlage aufzubauen, bevor die erste konkrete Anfrage eines wichtigen Kunden kommt. Wer zu diesem Zeitpunkt noch keine belastbaren Zahlen liefern kann, verliert Gestaltungsspielraum in der Kundenbeziehung.

Die methodischen Standards werden sich in den kommenden Jahren konkretisieren – eine endgültige Entscheidung ist heute nicht möglich. Beide Ansätze bauen jedoch auf denselben Unternehmensdaten auf: Energieverbräuche, eigene Emissionen, Informationen zu Vorprodukten. Diese Grundlage ist unabhängig vom späteren Standard. Praktisch bedeutet das: Wer heute beginnt, die eigenen Daten zu strukturieren und mit Kunden ins Gespräch zu kommen, welche Formate diese erwarten, ist für beide Standards anschlussfähig.

Eine pauschale Antwort gibt es nicht – der Aufwand hängt stark von der Produktkomplexität, der Anzahl relevanter Vorprodukte und der vorhandenen Datenbasis ab. Unternehmen mit gut dokumentierten Energieverbräuchen und einem überschaubaren Produktportfolio kommen deutlich schneller zu ersten belastbaren Werten als solche, die bei null anfangen. Ein pragmatischer Einstieg ist, zunächst mit einem oder zwei repräsentativen Produkten zu arbeiten und die dabei entwickelten Methoden schrittweise auf weitere Produkte zu übertragen, statt von Anfang an das gesamte Portfolio erfassen zu wollen.

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Der richtige Einstieg sieht für jedes Unternehmen anders aus – abhängig von Branche, Kundenstruktur und vorhandener Datenbasis. In einem unverbindlichen Gespräch lässt sich oft schon erkennen, welcher Weg für Ihr Unternehmen tragfähig ist.

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Die Autorin:

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