Die leise Beschleunigung: Warum Nachhaltigkeit im Mittelstand gerade an Tempo gewinnt und nicht verliert

Die leise Beschleunigung: Warum Nachhaltigkeit im Mittelstand gerade an Tempo gewinnt und nicht verliert

Ein Meinungsbeitrag von Sebastian Dürr, NordKompass

Das erste Quartal des Jahres ist beinahe vorüber. Wer die bisher in diesem Jahr geführte Nachhaltigkeitsdebatte verfolgt hat, könnte den Eindruck gewinnen, dass es vor allem um regulatorische Großpolitik geht. Von Omnibus-Kompromissen und neuen CSRD-Schwellenwerten zu Revisionen bei CSDDD und EU-Taxonomie. In Fachmedien wird diskutiert, ob Europa bei der Nachhaltigkeitsregulierung zu weit zurückrudert oder sich einfach neu kalibriert. ESG-Anforderungen werden jedoch trotzdem an den Mittelstand herangetragen. 

Die meisten Nachhaltigkeitsdebatten gehen an den Fragen des Mittelstands vorbei.

Was nimmt ein mittelständischer Maschinenbauer aus Süddeutschland von diesen Debatten mit? Vielleicht, dass er nicht mehr unter die Regelungen der CSRD fällt. Aus den Gesprächen, die ich führe, nehme ich für mich mit, dass der Omnibus-Kompromiss die Realität unserer Klienten wenig verändert. In der hat sich in den vergangenen 12 Monaten mehr bewegt als in den fünf Jahren davor, und das ganz unabhängig von den direkten Folgen regulatorischer Rahmenbedingungen.

Wo die Veränderung sichtbar wird

Die Veränderung kommt natürlich auch durch sich verändernde regulatorische Rahmenbedingungen. Aber sichtbar wird sie für Unternehmen, die nicht unter die europäischen Berichtspflichten fallen, primär durch Anrufe, E-Mails und Fragebögen.

In Schlaglichtern und Zahlen:

37 Prozent der Mittelständler mit mehr als 50 Beschäftigten werden bei Kreditverhandlungen bereits nach Nachhaltigkeitsaspekten gefragt. Nicht weil eine Richtlinie das dem Mittelstand vorschreibt, sondern weil die europäische Bankenrichtlinie CRD VI Kreditinstitute zur Integration von ESG-Risiken in ihre Kreditvergabeprozesse verpflichtet. Die Berichtspflicht liegt bei der Bank, und die Fragen kommen deshalb beim Mittelstand an. [1]

54 Prozent der Mittelständler geben an, dass ihre Kunden das Thema Nachhaltigkeit vorantreiben [2]. In den Lieferketten wurden allein 2024 rund 49.000 strukturierte Nachhaltigkeitsbewertungen durchgeführt [3]. Die öffentliche Hand, mit einem jährlichen Beschaffungsvolumen von rund 260 Milliarden Euro, wird künftig mindestens ein Nachhaltigkeitskriterium pro Vergabeverfahren vorschreiben [4].

70 Prozent der Gen Z und Millennials berücksichtigen Nachhaltigkeit bei der Arbeitgeberwahl [5].

Ein erstes mögliches Fazit: Die Veränderung kommt nicht nur aus Brüssel, sondern oft aus dem direkten geschäftlichen Umfeld.

Der Trickle-down, der stattfindet

Für diese Dynamik gibt es einen treffenden Begriff: den Trickle-down-Effekt. Obwohl mittelständische Unternehmen formal von der CSRD-Berichtspflicht ausgenommen sind, müssen sie in der Praxis zunehmend Nachhaltigkeitsinformationen erheben, weil ihre Kunden, ihre Banken oder öffentliche Auftraggeber diese Daten bei ihnen abfragen [6].

Der im Rahmen des Omnibus-Kompromisses eingeführte Value Chain Cap, der die Datenanforderungen an KMU begrenzen soll, ändert daran zunächst wenig. Er ist als Soll-Regelung formuliert, greift nur bei CSRD-bedingten Anfragen und bezieht sich nicht auf bilaterale Vereinbarungen zwischen Geschäftspartnern [7].

Ein weiteres mögliches Fazit: Die veränderten regulatorischen Rahmenbedingungen haben den Kreis der berichtspflichtigen Unternehmen reduziert. Auf die Interaktionen der Marktteilnehmer untereinander hat dies wenig Auswirkungen.

Nachhaltigkeit als Hygienefaktor

Was wir in der Zusammenarbeit mit mittelständischen Unternehmen beobachten, deckt sich mit einer Verschiebung, die das Rheingold Institut als Entwicklung zum „Hygienefaktor“ beschreibt [8]: Eine verlässliche Nachhaltigkeitspositionierung wird zunehmend als gegeben vorausgesetzt. Ihr Vorhandensein erzeugt keinen besonderen Bonus mehr, aber ihre Abwesenheit fällt auf.

Das verändert die strategische Ausgangslage. Es geht nicht mehr um die Frage, ob sich Nachhaltigkeit „rechnet“. Es geht darum, ob ein Unternehmen es sich leisten kann, auf eine strukturierte Nachhaltigkeitspositionierung zu verzichten, wenn Banken, Kunden und Bewerber diese als selbstverständlich erwarten.

Ein drittes mögliches Fazit: 93 Prozent des Mittelstands ordnen Nachhaltigkeit als wichtig ein. Gleichzeitig verfügt nur ein Drittel über eine dokumentierte Nachhaltigkeitsstrategie [2]. Das macht deutlich, dass die Bereitschaft da ist. Jetzt wird es wichtig, einen Rahmen zu schaffen, der die einzelnen Aktivitäten zu einem stimmigen strategischen Ansatz bündelt.

Warum Nachhaltigkeit im Mittelstand gerade an Tempo gewinnt und nicht verliert

Die Chance: Gestaltungsfreiheit statt Pflichtprogramm

Vielleicht liegt genau darin die größte Chance für den Mittelstand, die nur allzu leicht übersehen wird. Der Mittelstand hat eine Chance, die CSRD-pflichtige Großunternehmen nicht haben: Gestaltungsfreiheit.

Berichtsformat: Niemand schreibt vor, welches Reporting-Framework genutzt werden muss.

Kein Prüfauftrag: Kein Wirtschaftsprüfer muss den Nachhaltigkeitsbericht prüfen.

Im eigenen Tempo: Es gibt keinen Stichtag, an dem der Bericht spätestens zu veröffentlichen ist, und keinen Sanktionsmechanismus, wenn dies nicht erfolgt.

Strategischer Mehrwert statt Compliance-Übung: Diese Freiheitsgrade ermöglichen es, Nachhaltigkeit von Anfang an als strategisches Instrument mit klarem Zuschnitt auf die Anforderungen des Unternehmens aufzubauen und nicht als Compliance-Übung zu betreiben, bei der für das Reporting gilt: „One size fits most“.

Eine Commerzbank-Studie zeigt, dass Unternehmen mit einer ausformulierten Nachhaltigkeitsstrategie doppelt so häufig in Nachhaltigkeit investieren [9]. Das deutet darauf hin, dass der Engpass nicht in der Investitionsbereitschaft selbst liegt, sondern in einer grundlegenden und klar strukturierten strategischen Ausrichtung.

Ein weiteres mögliches Fazit: Unternehmen, die diesen Spielraum nutzen, berichten häufig von einem überraschenden Effekt. Die Beschäftigung mit den eigenen Nachhaltigkeitsthemen ermöglicht Rückschlüsse auf das eigene Geschäftsmodell, die weit über den eigentlichen ESG-Kontext hinausreichen können.

Die leise Beschleunigung der ESG-Anforderungen ernst nehmen

Die Schlagzeilen suggerieren eine Verlangsamung wegen geänderter regulatorischer Rahmenbedingungen. In der täglich gelebten Praxis sind es Stakeholder wie Banken, Kunden, Geschäftspartner und Bewerber, die neue Spielregeln definieren – still, konkret und irreversibel.

Für den Mittelstand ergibt sich die Chance, das Thema Nachhaltigkeit ohne Pflicht, aber mit strategischem Weitblick anzugehen: die aktuelle Gestaltungsfreiheit gezielt nutzen und die eigene Positionierung bestimmen.

Unser letztes Fazit ist eine Einschätzung: Wer heute freiwillig beginnt, macht das Thema zu seinem eigenen. Wer wartet, macht es zum Thema anderer.

Dieser Beitrag ist ein Meinungsartikel. Die zugrunde liegenden Daten und Quellen finden Sie in unserer dreiteiligen Serie „Nachhaltigkeit 2026“ auf nord-kompass.de.

Quellen

[1] KfW, „Fokus Volkswirtschaft Nr. 478: Nachhaltigkeit gewinnt bei Kreditverhandlungen mit größeren Mittelständlern an Bedeutung“, Dezember 2024. Link

[2] Grant Thornton, „ESG-Studie: 62 % des Mittelstands befürwortet freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung“, Juli 2025. Link

[3] EcoVadis, „Global Supply Chain Sustainability Risk & Performance Index 2025“, August 2025. Link

[4] Bird & Bird, „Nachhaltigkeit im Vergaberecht – Das VergRTransfG“, 2024. Link

[5] Deloitte, „2025 Gen Z and Millennial Survey“ (globale Befragung, 23.000+ Teilnehmende, 44 Länder), Mai 2025. Link

[6] DIHK, „Nachhaltigkeitsberichterstattung: (un)freiwillig auch für kleine und mittlere Unternehmen“, 2025. Link

[7] DIHK, Stellungnahme zum Omnibus-Vorschlag der EU-Kommission, 2025. Link

[8] Rheingold Institut / Rundschau, „Nachhaltigkeit – mehr als ein Hygienefaktor“, Dezember 2024. Link

[9] Commerzbank, „Unternehmerperspektiven: Nachhaltigkeit im Mittelstand“, 2025. Link

Sie möchten diese Fragen für Ihr Unternehmen konkretisieren?

Dann freuen wir uns auf den Austausch mit Ihnen. Der richtige Einstieg sieht für jedes Unternehmen anders aus – und genau das macht ihn so individuell wie den Mittelstand selbst.

Wie Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen konkret aussehen kann, darüber tauschen wir uns gerne mit Ihnen aus. In einem unverbindlichen Gespräch lässt sich oft schon erkennen, welcher Weg für Ihr Unternehmen der richtige sein könnte.

Vereinbaren Sie hier Ihr unverbindliches Strategiegespräch.

Der Autor:

Kontaktieren Sie uns!

Nachhaltigkeit im Mittelstand, Nachhaltigkeitsberatung für den Mittelstand

Sie wollen Ihre Nachhaltigkeitsziele in die Umsetzung bringen? Sie wollen mehr über ein ESG-Reporting abgestimmt auf Ihr Unternehmen erfahren? Unterhalten wir uns!

Sie erreichen uns telefonisch unter

+49 (0)7459 931 2429

Oder senden Sie eine Mail an

info@nord-kompass.de

Buchen Sie unverbindlich Ihren Discovery-Call: