GHG Protocol und ISO bündeln ihre Kräfte: Was der neue konsolidierte Standard der Treibhausgasbilanzierung für den Mittelstand bedeutet
Wer heute eine Emissionsbilanz aufbaut, stößt früher oder später auf das Greenhouse Gas Protocol. Es ist die methodische Grundlage, auf der Scope 1, 2 und 3 definiert sind, auf der SBTi-Klimaziele formuliert werden und auf der Banken und Großkunden ihre Datenanfragen aufbauen. Ende Juli 2026 hat das GHG Protocol eine grundlegende Neuordnung angekündigt: Zusammen mit der Internationalen Organisation für Normung (ISO) werden die bestehenden Standards zukünftig zu einem einzigen, gemeinsamen Regelwerk zusammengeführt. Was das für Unternehmen bedeutet, die gerade ihre Emissionsdaten strukturieren, ordnet dieser Artikel ein.
TL;DR: Das GHG Protocol, das weltweit führende Regelwerk für die Treibhausgasbilanzierung, wird grundlegend überarbeitet. Am 29. Juli 2026 haben das GHG Protocol und die Internationale Organisation für Normung (ISO) angekündigt, ihre bisherigen Corporate Standards in einem gemeinsamen Standard zusammenzuführen: dem Corporate Standard Version 3.0 [1]. Der bestehende Corporate Standard, die Scope-2-Guidance und der Scope-3-Standard werden mit der ISO 14064-1 konsolidiert und um ein neues Modul für Klimaschutzmaßnahmen und Marktinstrumente ergänzt [2]. Die Konsolidierung wird von den wichtigsten Akteuren der Nachhaltigkeitsberichterstattung unterstützt, von der ISSB über die EFRAG bis hin zu CDP und SBTi [2]. Die Standards wachsen zusammen, und wer seine Datenbasis auf dem GHG Protocol aufgebaut hat, besitzt das richtige Fundament.
GHG Protocol und ISO werden ihre Standards zusammenführen
Am 29. Juli 2026 hat das Greenhouse Gas Protocol (GHG Protocol) drei zusammenhängende Entwicklungen veröffentlicht [1].
Die erste und weitreichendste betrifft die Struktur des Standards selbst: Das GHG Protocol und ISO werden ihre jeweiligen Corporate Standards innerhalb der kommenden zwei Jahre zusammenführen. Bislang existierten auf Seiten des GHG Protocol drei separate Dokumente, nämlich der Corporate Standard für die Erfassung der eigenen Emissionen (Scope 1), die Scope 2 Guidance für eingekaufte Energie und der Scope 3 Standard für die indirekten Emissionen aus der Wertschöpfungskette. Auf Seiten der ISO stand die Norm ISO 14064-1 gegenüber. Künftig soll daraus ein konsolidierter, gemeinsam veröffentlichter Standard entstehen: der Corporate Standard Version 3.0 [2].
Die zweite Entwicklung betrifft die Scope-2-Bilanzierung. Das GHG Protocol hat die Ergebnisse der öffentlichen Konsultation zu den geplanten Scope-2-Änderungen veröffentlicht. Knapp 1.100 Stellungnahmen von Unternehmen und Branchenvertretern aus 56 Ländern sind eingegangen [1, 3].
Die dritte Entwicklung betrifft ein neues Element innerhalb des konsolidierten Standards: das Modul Actions and Market Instruments (AMI). Vereinfacht gesagt soll das AMI-Modul eine Lücke schließen, die viele Unternehmen aus der Praxis kennen: Eine Emissionsbilanz zeigt heute, wie hoch die eigenen Emissionen sind, aber nicht, was das Unternehmen konkret unternimmt, um sie zu senken, und ob diese Maßnahmen tatsächlich wirken.
Der neue Standard soll deshalb neben der physischen Emissionsbilanz zwei weitere Berichtsebenen einführen, nämlich eine für die eingesetzten Marktinstrumente, etwa Herkunftsnachweise oder Zertifikate, und eine für die tatsächliche Klimaauswirkung der eigenen Maßnahmen und Investitionen.
Was ist das GHG Protocol und warum ist es für den Mittelstand relevant?
Das Greenhouse Gas Protocol ist der internationale Standard für die Erfassung und Berichterstattung von Treibhausgasemissionen. Es bildet die methodische Grundlage für nahezu alle relevanten Klimaberichtsrahmen weltweit: die europäischen ESRS-Standards unter der CSRD, die internationalen IFRS-Nachhaltigkeitsstandards des ISSB, die Klimazielsetzung über die SBTi und die Offenlegung über CDP. Über 22.000 Unternehmen haben 2025 über CDP Umweltdaten offengelegt, mehr als 10.000 haben SBTi-validierte Klimaziele [2].
Für den Mittelstand entfaltet das GHG Protocol seine Wirkung in der Regel nicht direkt, sondern über die Anforderungen, die von Großkunden, Banken und Berichtsrahmen an Zulieferer und Partner in der Lieferkette weitergereicht werden. Wer von einem Großkunden nach CO₂-Daten gefragt wird, wer im Rahmen des freiwilligen VS-Reportings seine Emissionen erfasst oder wer sich mit den indirekten Auswirkungen des neuen SBTi-Standards auf Zulieferer beschäftigt (LINK), arbeitet jeweils auf der Basis des GHG-Protocols. Die Systematik der drei Scopes, also Scope 1 für direkte Emissionen aus eigenen Anlagen, Scope 2 für eingekaufte Energie und Scope 3 für die vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette, stammt aus dem GHG Protocol und ist in einem früheren Artikel ausführlich erklärt (LINK).
Warum die Konsolidierung relevant ist
Das GHG Protocol ist nicht das einzige Regelwerk für die Treibhausgasbilanzierung. Bislang existierten auf der einen Seite die GHG-Protocol-Standards und auf der anderen Seite die ISO-Norm 14064-1. Beide werden weltweit angewendet, oft parallel, mit kleinen, aber relevanten Unterschieden in Methodik und Terminologie. Für Unternehmen, die ihre Emissionsbilanz aufbauen, bedeutete das bisher zwei Referenzpunkte, die sich überschneiden, aber nicht deckungsgleich sind.
Die jetzt angekündigte Konsolidierung beendet diese Zweigleisigkeit. Statt mehrerer separater Dokumente wird es künftig einen einzigen, gemeinsam von GHG Protocol und ISO veröffentlichten Corporate Standard geben [2]:
Teil 1 betrifft die physische Emissionsbilanz (Scope 1, 2 und 3) und fasst die bisherigen drei GHG-Protocol-Standards mit ISO 14064-1 zusammen.
Teil 2 betrifft das neue Modul Actions and Market Instruments (AMI) und schafft erstmals einen strukturierten Rahmen dafür, wie Unternehmen neben ihren Emissionen auch ihre Klimaschutzmaßnahmen berichten können.
Für den Mittelstand ist die praktische Konsequenz: Statt sich zwischen verschiedenen Standards orientieren zu müssen, gibt es künftig einen Referenzpunkt. Und dieser Referenzpunkt wird von den Institutionen getragen, die die Nachhaltigkeitsberichterstattung heute prägen.
Eine integrierte öffentliche Konsultation zum Entwurf des neuen Standards ist für das zweite Quartal 2027 geplant, die Veröffentlichung des finalen Corporate Standard V3.0 wird für Ende 2028 erwartet [2].
Überblick zum neuen AMI-Modul
Die drei Berichtsebenen, die das AMI-Modul vorsieht, lassen sich wie folgt unterscheiden:
- Die Emissionen aus dem eigenen Betrieb und der Wertschöpfungskette (die klassische Bilanz nach Scope 1, 2 und 3) bilden die Grundlage.
- Eine zweite Ebene wird abbilden, wie sich vertragliche Instrumente wie Herkunftsnachweise oder Zertifikate auf die Gesamtemissionen auswirken.
- Eine dritte Ebene, das sogenannte GHG Impact Statement, soll die tatsächliche Klimawirkung von Maßnahmen und Investitionen messbar machen.
Wie sich dieses Modul konkret auf kleinere Unternehmen auswirkt, wird von den finalen Anforderungen abhängen, die im Rahmen der öffentlichen Konsultation voraussichtlich 2027 vorgestellt werden.
Beteiligte Akteure an der Überarbeitung des GHG Protocol
Ein Merkmal der laufenden Überarbeitung verdient besondere Aufmerksamkeit: die Zusammensetzung der beteiligten Akteure. Beim unabhängigen Standardisierungsgremium (Independent Standards Board), das die technische Arbeit an den neuen Standards begleitet und genehmigt, sitzen als Beobachter die Organisationen, die heute die wichtigsten Rahmenwerke für Nachhaltigkeitsberichterstattung verantworten: CDP, EFRAG, GRI, ISO, ISSB und SBTi [2].
Die Überarbeitung baut dabei explizit auf den bestehenden Rahmenwerken und Erfahrungen auf [2]. Das bedeutet konkret: Die EU-Berichtsstandards (ESRS), die internationalen Finanzmarktstandards (ISSB/IFRS S2), die wissenschaftlich fundierten Klimaziele (SBTi), die Umweltoffenlegung über CDP und die Berichtsprinzipien der GRI fließen in die Entwicklung des neuen Standards ein.
Was bei dieser Aufzählung leicht übersehen werden kann, ist die Richtung, in die sich das gesamte System bewegt: Die verschiedenen Anforderungen, die heute über unterschiedliche Kanäle beim Mittelstand ankommen, ob vom Großkunden über die Lieferkette, von der Bank über die Kreditbewertung oder im Rahmen des Reportings, wachsen methodisch zusammen. Der konsolidierte Standard ist ein sichtbarer Ausdruck dieser Konvergenz.
Für Unternehmen, die ihre Emissionsdaten heute strukturiert aufbauen, bestätigt das eine Beobachtung, die in früheren Artikeln bereits beschrieben wurde: Wer seine Daten auf GHG-Protocol-Basis erhebt, bedient damit nicht nur eine einzelne Anfrage, sondern eine gemeinsame Grundlage, auf die unterschiedliche Stakeholder zugreifen.
Was das für den Mittelstand bedeutet
Die Konsolidierung des GHG Protocol mit ISO ist keine Entwicklung, die unmittelbares Handeln erfordert. Aber sie ordnet den Rahmen neu, in dem sich mittelständische Unternehmen bei der Emissionsbilanzierung bewegen, und sie sendet drei Signale, die für die eigene Positionierung relevant sind.
Das erste Signal betrifft die Richtung der Standards, nämlich Konsolidierung statt weiterer Fragmentierung. Statt sich zwischen GHG Protocol und ISO entscheiden oder die Unterschiede kennen zu müssen, wird es künftig einen gemeinsamen Referenzstandard geben. Das reduziert die Komplexität für Unternehmen, die gerade in die Emissionsbilanzierung einsteigen.
Zweitens die Tragfähigkeit der eigenen Vorbereitung: Wer seine Emissionen heute nach dem GHG Protocol erfasst, ob für das freiwillige VS-Reporting, zur Beantwortung von Kundenanfragen oder als Grundlage für künftige produktspezifische CO₂-Daten, baut auf einer Grundlage, die nicht veraltet, sondern weiterentwickelt wird. Die Arbeit, die heute in den Aufbau einer Emissionsbilanz fließt, geht damit nicht verloren, wenn der neue Standard kommt.
Die zunehmende Konvergenz im Bereich der Nachhaltigkeitsberichterstattung bildet das dritte Signal: CDP, EFRAG, SBTi und ISSB beteiligen sich aktiv an der Entwicklung des neuen Standards. Das bedeutet, dass die verschiedenen Datenanfragen, die heute aus unterschiedlichen Richtungen auf den Mittelstand zukommen, auf eine immer stärker harmonisierte Methodik zurückgreifen. Eine einmal strukturiert aufgebaute Emissionsbilanz bedient zunehmend mehrere Verwendungszwecke.
Quellen
[1] GHG Protocol, „GHG Protocol Announces Key Standard Development Updates“, Pressemitteilung, 29. Juli 2026.
[2] GHG Protocol, „Corporate Accounting and Reporting Standard (Corporate Standard), Version 3.0: Standard Development Plan“, Version 2.0, 29. Juli 2026.
[3] GHG Protocol, „Scope 2 Public Consultation Summary„, 29. Juli 2026.
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Die Autorin:
Naomi Becker
Naomi Becker verantwortet bei NordKompass die Nachhaltigkeitskommunikation. Sie unterstützt mittelständische Unternehmen dabei, ihre Nachhaltigkeitsleistungen sichtbar zu machen und glaubwürdig zu kommunizieren, vom Nachhaltigkeitsbericht über die Website bis zur Pressearbeit. Mit ihrem Hintergrund in Sprache, Kommunikation und Psychologie hat sie dabei besonders die soziale Dimension der Nachhaltigkeit im Blick.
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